Die Überlebensstrategien eines Finanzbeamten

Parkhaus

Bildquelle: RyanMcGuire-pixabay

Gerade will ich meinen PC im Finanzamt runterfahren, da poppt eine neue Meldung im Intranet auf: Unser Parkhaus ist einsturzgefährdet!

Erst auf der Fahrt nach Hause sickert die Nachricht durch meine Hirnrinde: 230 Parkplätze ab morgen abgesperrt. Ich rechne: Bei 303 Bediensteten und 70 noch zur Verfügung stehenden Außenparkplätzen heißt das im Klartext, dass für 233 Mitarbeiter des Finanzamts morgen die Jagd auf einen Parkplatz eröffnet ist – jeder ein potentieller Feind.

Die Alternative ist die Wiese am Wall zwei Kilometer vom Finanzamt entfernt, „die Schlammkuhle“ genannt, da bei feuchter Witterung die Wiese eine ideale Arena für ein zünftiges Schlammcatchen abgibt. Man munkelt, dass Frauen mit High Heels nach Verlassen ihrer Autos wie im Bermuda-Dreieck spurlos verschwinden – zumindest ihre Schuhe.

Am nächsten Morgen quäle ich mich um 5 Uhr 30 aus dem Bett. Meine Frau schlägt kurz die Augen auf und murmelt schlaftrunken: „Musst du schon wieder pinkeln?“

Duschen – frühstücken – muss heute ausfallen. Bereits um 6 Uhr 45 bin ich auf der Zielgeraden, will in die Zufahrtsstraße vom Finanzamt einbiegen: Stau! Um mich herum nur Finanzbeamte mit verkniffenen Mienen und brutal entschlossenem Zug, in der Hand einen Coffee to go, bereit, wegen einer Wagenlänge Vorsprung die aktuelle  Schadensfreiheitsklasse der Vollkaskoversicherung zu riskieren. Ich entdecke an mir neue Züge, mein Schalthebel des Sechsganggetriebes ist der Knauf einer Walther P99, mir gelingt es den Audi meines Chefs in eine Friedhofseinfahrt abzudrängen und stehe jetzt vor der Hofeinfahrt des Finanzamts. Grelles Scheinwerferlicht kommt mir entgegen. Ein Kollege schreit aus dem offenen Seitenfenster seines Golfs: „Zurück, zurück, alles dicht!“,  und biegt auf die Ausfallstraße Richtung Schlammkuhle ab. Es nieselt.

Zwei Monate später: Es ist 1 Uhr 30 Uhr, ich schrecke das erst Mal hoch, schweißnass. Meine Frau streichelt mir über den Arm: „Alles gut, Schatz, du kannst es heute noch schaffen!“ Danach wache ich stündlich auf. Um 4 Uhr 45 springe ich mit einem Satz aus dem Bett und hechte unter die Dusche. Um 5 Uhr 05 sitze ich bereits im Auto. Meinen Morgenkaffee hole ich jetzt immer bei McDrive. Das kostet mich zwar zwei Minuten, aber ohne diesen Kaffee wäre ich nicht mehr unter den Lebenden. Um 5 Uhr 30 ist auf der Zufahrt zum Amt ein Verkehr, als wenn Mediamarkt die 50er Flachbildschirme für einen Euro raushaut. Heute habe ich einen Parkplatz bekommen – eine halbe Stunde vor Dienstbeginn – aber ich weiß nicht, was morgen sein wird.

Die Mietpreise der Parkplätze in der 1000 Meter-Zone rings ums Finanzamt steigen mittlerweile täglich und liegen jetzt bei 90 Euro – und es gibt Wartelisten. Kollege Schulte, der fünf Parkplätze gebunkert hat, hat mir einen Parkplatz für 110 Euro überlassen, Freundschaftspreis versteht sich. Ich würde auch 150 Euro zahlen, nur eines nie nie wieder: um 4 Uhr 45 aufstehen.

Wieland
Die Scheinfirma
2017, 353 S., NWB Verlag, ISBN 978-3-482-67141-8,
Preis 18,90 € inkl. MwSt.
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Die Zecke
2009, 304 S., NWB Verlag, ISBN 978-3-482-59821-0,
Preis 16,90 € inkl. MwSt.
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Die Zecke auf Abwegen
2010, 228 S., NWB Verlag, ISBN 978-3-482-63331-7,
Preis 16,90 € inkl. MwSt.

Autor: Dipl.-Fw. Bernd Wieland

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Bernd Wieland, geboren 1966, ist Dipl. Finanzwirt und Autor von satirischen Romanen, Kurzgeschichten, nebenberuflich als Kabarettist mit eigenen Kabarettprogrammen und als Darsteller im Fernsehen tätig.