Rezension: Heckel. Martin Luthers Reformation und das Recht

Martin Heckel, heute fast 90 Jahre alt, zuvor viele Jahre lang Ordinarius für Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Universität Tübingen, der mit Abstand beste Luther-Kenner unter den Juristen (und sicher ein besserer als viele Theologen und Historiker), zieht in diesem – im realen und im übertragenen Sinne – schwergewichtigen Band die Summe aus einer lebenslangen Beschäftigung mit der Geschichte der Reformation und der Theologie Martin Luthers sowie mit deren Bedeutung für die Entwicklung des kirchlichen und des staatlichen Rechts. Für den einschlägig interessierten Juristen ist das Buch das wohl wichtigste Werk zum Reformationsjubiläum, weil Heckel – wie schon Titel und Untertitel seines Buches deutlich machen – besonderes Gewicht auf die Einwirkungen der Wittenberger Reformation auf die Entwicklung des (weltlichen und kirchlichen) Rechts legt, wodurch sich das Buch deutlich von allen anderen zum Jubiläum erschienenen Publikationen abhebt.

Heckel
Martin Luthers Reformation und das Recht
2016, XIV, 988 S., Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-154211-4,
Preis 69,00 € inkl. MwSt.

Nach Heckel wurde „die Reformation in Deutschland … entscheidend dadurch geprägt, dass eine Generation vor Luthers Ablassthesen die Reichsreform unter Maximilian I. erfolgte und die Beziehungen zwischen Kaiser und Reichsständen stark verrechtlichte, dadurch der Vollzug des Banns und der Reichsacht gehindert und letztlich vereitelt wurden, und so aus den Kämpfen des konfessionellen Zeitalters eine in Europa einzigartige Koexistenzordnung des weltlichen Friedens und der religiösen Freiheit zwischen den großen konträren Konfessionen entstand“ (Vorwort, VI): eine Ordnung, die letztlich – wenn auch in vielem der Entstehung des säkularen Staates angepasst – nach wie vor das in Deutschland geltende Staatskirchenrecht prägt.

Wie diese Grundthese in dem Buch auf fast 1000 Seiten im Detail entfaltet wird, kann in einer knappen Anzeige auch nicht annähernd nachgezeichnet werden. So sei denn nur kurz erwähnt, dass das Buch nach einem Prolog „Die Rolle des Rechts angesichts der Wahrheitsfrage“ (in dem des Näheren dargelegt und begründet wird, inwiefern die Reformationsgeschichte zu einem guten Teil eben auch Rechtsgeschichte gewesen ist) in fünf große Teile gegliedert ist: „Eigenart, Rahmenbedingungen und Anfänge der lutherischen Reformation“, „Luthers Werdegang und Grundlegung der Reformation“, „Die Auswirkungen der evangelischen Lehre auf die Entwicklungen der kirchlichen Institutionen“, „Klärung und Festigung der Reformation im Schutz und durch den Dienst der evangelischen Obrigkeiten“ (mit einem Abschnitt zur Trennung der Reformation von ihren radikalen Außenseitern, den „Schwärmern“, unter ihnen vor allem den Wiedertäufern, 377 ff.) und „Luthers Haltung zu den politischen Kräften und Konflikten seiner Zeit“ (mit einem besonders lesenswerten Abschnitt zu Luthers in verschiedenen Phasen sehr gegensätzlichen, in der Frühzeit eher toleranten, in der Spätzeit radikalisierten und mitunter bis zum Hass reichenden Haltung gegenüber den Juden [ 699 ff.]). Den Schluss bildet ein Epilog, in dem es um „Nachwirkungen und Vermächtnis“ von Luthers Reformation für die Weiterentwicklung des evangelischen Kirchenrechts in späteren Perioden geht, in deren Verlauf die theologische Dimension des Kirchenrechts rasch verloren gegangen und erst im Zuge der Grundlagendiskussion nach dem Kirchenkampf zumindest in Teilen wiedergewonnen worden ist (757 ff.). Abgeschlossen wird der Epilog mit einem Abschnitt zur Frage, wie die Lehren Luthers (unter ihnen als wohl wichtigste die nicht immer unumstrittene Zwei-Reiche-Lehre) heute für Begründung und Auslegung des evangelischen Kirchenrechts, nicht zuletzt aber auch für dessen Handhabung im Rahmen des Staatskirchenrechts fruchtbar gemacht werden können (804 ff.).

Insgesamt eine trotz des durchweg gut lesbaren Stils in ihrer Konzentration nicht immer ganz einfache, aber umso lohnendere Lektüre, deren Anschaffung – vor allem in der kartonierten Leseausgabe – durch einen erstaunlich niedrigen (durch institutionelle Förderung seitens der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der EKD ermöglichten) Preis jedem Interessierten leicht gemacht wird.

Die Rezension wurde der NJW – Neue Juristische Wochenschrift 2017, Heft 44, entnommen.

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NJW • Neue Juristische Wochenschrift
2018, C.H.BECK, ISSN 0341-1915,
Preis 139,00 € inkl. MwSt.

Autor: Professor Dr. Hermann Weber

Professor Dr. Hermann Weber, Berlin