Digitalisierung im Unternehmen – Interview mit dem Autor Ömer Atiker

beck-shop.de: Herr Atiker, Alle sprechen von Digitalisierung, Sie auch. Worum geht es dabei eigentlich?

Ömer Atiker: (lacht) Gute Frage! Meistens um das Thema, das Ihr Gegenüber gerade wichtig findet. Big Data, Industrie 4.0, Online Marketing – jeder hat sein Steckenpferd. Das ist ja auch an sich richtig, aber jeder hat immer nur ein Puzzleteil. So sieht jeder ein paar Bäume, aber nur wenige sehen den ganzen Wald.

Ich habe das Ganze einmal zu zehn großen Trends zusammengefasst. Der erste ist Input – wie wir mit Computern kommunizieren. Früher waren das Lochkarten, dann kamen die Tastatur, die Maus und noch Wischen auf dem Schirm. Jetzt können wir mit den Geräten sprechen, das wird in den kommenden Jahren noch viel besser. Computer erkennen, was auf Bildern ist, wissen, wo Sie im Raum stehen, verstehen Ihre Gesten und können sogar Ihre Stimmung erkennen.

Kurzum: Alles, was wir nutzen, um mit anderen Menschen zu kommunizieren, lernen auch die Maschinen. Das wird vieles radikal ändern. Ähnliches gilt auch für die anderen neun Trends, von Künstlicher Intelligenz bis zur Robotik.

beck-shop.de: Das steht ja sicher auch in ihrem Buch „In einem Jahr digital“, das im März bei Wiley erschienen ist. Was bedeutet die Digitalisierung denn für Unternehmen?

Ömer Atiker: Im Grunde ganz einfach: Die Steigerung des Wertes, den Sie bieten, durch die neuen digitalen Möglichkeiten. Sie überlegen zuerst, welchen Wert Ihr Unternehmen produziert. Wofür geben Ihnen Ihre Kunden ihr Geld? Und jetzt schauen Sie einfach, wie Sie mit diesen Werten die zehn Trends der Digitalisierung erhöhen können. Das kann alles Mögliche sein, von Predictive Maintenance, bei der Sie Bauteile austauschen, bevor sie ausfallen, bis zu Robotern in der Altenpflege.

beck-shop.de: Werden dadurch nicht viele Jobs wegfallen?

Ömer Atiker: Ja, bestimmt. Aber es gibt eine Menge Jobs, die einfach nur anstrengend, langweilig und dumm sind. Denken Sie an Buchhaltung – Belege anschauen, eintippen, buchen, ablegen, den lieben langen Tag. Jetzt gibt es Software, bei der machen Sie nur ein Foto von der eingegangenen Rechnung – und fertig! Die Maschine sucht sich die Angaben raus und bucht die Rechnung an die richtige Stelle, sie müssen nichts mehr tun. Das ist doch fabelhaft.

Ein Arzt, bei dem der Computer eine genaue und zuverlässige Diagnose stellt, hat mehr Zeit für seine Patienten. Im selbstfahrenden LKW muss kein Fahrer mehr stundenlang auf den Laster vor ihm starren. Ja, Digitalisierung wird unser Leben verändern – und ich bin überzeugt, es wird dadurch besser.

beck-shop.de: Was müssen Unternehmen tun, um digital erfolgreich zu werden?

Ömer Atiker: Erstaunlicherweise hat der Erfolg recht wenig mit der Technik zu tun, obwohl wir das gerne glauben. Technik ist so schön vertraut, beherrschbar. Viel wichtiger, aber auch viel schwieriger ist es, das Denken und die Kultur eines Unternehmens zu verändern. Das ist hart, vor allem wenn man gerade richtig erfolgreich ist.

Aber Sie werden vieles neu denken müssen. Sie müssen Neues ausprobieren und Altes in Frage stellen können. Das klappt nicht, wenn sie am Ende immer nur Quartalszahlen liefern müssen.

Neues entsteht aus der Zusammenarbeit, zwischen den Abteilungen einer Firma, aber auch mit Zulieferern und Kunden. Ganz viele Firmen haben große Schwierigkeiten, diese Silos zu überwinden. Es hat jahrzehntelang funktioniert, und jetzt soll es anders werden? Das ist weder einleuchtend, noch macht es wirklich Spaß. Deswegen ist Digitalisierung vor allem eine Führungsaufgabe. Hier stehen wir, da wollen wir hin, diesen Weg wollen wir nehmen. Dieser Weg ist die digitale Strategie. Nicht die Einführung neuer Software oder bunter Büros.

beck-shop.de: Haben Sie ein Beispiel für diese Art der Führung?

Ömer Atiker: Dieter Zetsche wäre eines, der Chef von Daimler mit 280 000 Mitarbeitern. Zum einen macht er klare Ansagen: „Wir sind als Autobauer groß geworden, aber unsere Zukunft liegt in der Mobilität als Dienstleistung.“ Das muss man erst mal verdauen. Gleichzeitig macht er sich nahbar. Legt den Schlips ab, zieht die Jeans an – und zeigt, dass er nicht alles weiß, dass er die Zukunft wirklich als gemeinsames Vorhaben sieht. Kennen Sie einen anderen Chef eines alten Weltkonzerns, der so etwas bringt?

Die neuen Internet-Unternehmen sind da schon weiter, einerseits konsequent kundenzentriert, auf der anderen Seite ständig bemüht, eben nicht in Strukturen zu erstarren. Es ist sicher nicht alles Gold im Silicon Valley, aber mehr Beweglichkeit wird unseren Firmen sicher guttun.

beck-shop.de: Ihr Buch heißt „In einem Jahr digital“. Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen?

Ömer Atiker: Natürlich. Digitalisierung wird uns noch Jahrzehnte begleiten, auch wenn sie dann nicht mehr so heißt, sondern selbstverständlich sein wird. Heute hat jeder einen Supercomputer in der Tasche und ist mit der ganzen Welt vernetzt – das war vor 20 Jahren noch die pure Science Fiction.

Aber jedes Unternehmen hat die Wahl: Weiter machen wie bisher und hier und da ein wenig optimieren. Dann sind sie nächstes Jahr ein Jahr älter. Oder sie machen sich auf den Weg, gehen den berühmten ersten und auch den zweiten und dritten Schritt. Dann sind sie in einem Jahr eben auch ein Jahr besser.

In dem Buch zeige ich, was man dafür wissen muss. Wie man auf Ideen kommt, wie man daraus Konzepte, Prototypen und Produkte macht und am Ende ganz neue Geschäftsmodelle. Und natürlich auch, wie Sie das alles organisieren und vermarkten. So viel Überblick gibt es in der Form nirgends. Mit dem Buch sind Sie in einem Jahr einfach einen Schritt weiter. Sie müssen den Schritt nur tun.

beck-shop.de: Na, das ist doch mal eine Aussage. Haben Sie noch einen Tipp für unsere Leser, so direkt aus der Praxis?

Ömer Atiker: Oh, da habe ich sogar mehrere Tipps:

  1. Machen Sie kleine Schritte. Digitalisierung muss kein Riesenprojekt sein, das ewig geplant wird. Legen Sie einfach mit dem Naheliegenden los.
  2. Viele Ihrer Mitarbeiter wollen etwas Neues anpacken, sie brauchen nur den Raum, die Zeit und das Geld dazu. Geben Sie sie ihnen!
  3. Lösen Sie sich vom Produkt. Das Ding an sich ist nur ein kleiner Teil – aber es geht darum, welchen Nutzen Sie damit stiften. Der entsteht durch die Dienste darum herum, die vielen Daten, die Sie nutzen können, das gesamte Paket. Denken Sie in Lösungen, nicht in Produkten!

Und der wichtigste Tipp von allen ist, wie immer: TUN Sie es!

 

Atiker
In einem Jahr digital
2017, 313 S., Wiley-VCH, ISBN 978-3-527-50907-2,
Preis 24,99 € inkl. MwSt.

 

Zum Autor:

Ömer Atiker ist Experte für digitale Strategie: Er hält Vorträge und Keynotes und berät Firmen bei der Entwicklung ihrer eigenen Strategie und beim Umgang mit der Digitalisierung.

Geboren 1969 schlägt er die Brücke zwischen etablierten Führungskräften und digitalem Nachwuchs. Er ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und gründete schon 1996 eine der ersten Internet-Agenturen in Holland. Nach dem Verkauf 2004 und einem Sabbatical entstand 2006 die Click Effect GmbH, die seither erfolgreich digitales Marketing für internationale B2B-Unternehmen macht.

Die Website zum Buch: www.InEinemJahr.digital