Rezension: Haft. Handbuch Mediation

Ihr Nischendasein hat sie längst verlassen, die Mediation, in dem sie sich zweifelsohne noch befunden hatte, als im Jahr 2002 die 1. Auflage des Handbuchs Mediation erschienen war. Und Mediation agiert auch nicht mehr, wie Uwe Wesel es noch 1998 in einem Beitrag der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ beschrieben hatte, im „Schatten des Rechts“ – im Gegenteil. Mit dem vor mehr als drei Jahren in Kraft getretenen „Gesetz zur Förderung der Mediation und anderer Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung“ hat der Gesetzgeber der Mediation einen Rahmen gegeben, innerhalb dessen sie sich erfolgreich entfalten kann. Dementsprechend durchdringt Mediation immer mehr ganz unterschiedliche Lebensbereiche. Eine Berichterstattung wie die in der Süddeutschen Zeitung vom 8.3.‌2016, S. 19 unter der Überschrift „Lose Enden – Clemens und Robert Tönnies suchen einen Mediator“ ist mittlerweile längst kein Einzelfall mehr, vielmehr Indiz für die Akzeptanz und Verbreitung dieses Verfahrens.

Haft / Schlieffen
Handbuch Mediation
2016, XXV, 1487 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-66560-8,
Preis 139,00 € inkl. MwSt.

An diesem Befund knüpfen Herausgeber und Autoren mit der nunmehr 3. Auflage des Handbuchs Mediation (C.H.BECK) an und setzen damit das fort, was sie mit ihrer 1. Auflage vor nunmehr 13 Jahren bereits eindrucksvoll begründet haben: ein hochkarätiges, umfassendes Kompendium zur konsensualen Konfliktbeilegung in der Form der Mediation. Verantwortlich hierfür zeichnen neben den in diesem Bereich seit Langem bereits bekannten und ausgewiesenen Herausgebern Fritjof Haft und Katharina Gräfin von Schlieffen weitere 78 Autorinnen und Autoren, die sich allesamt seit vielen Jahren mit Mediation befassen und diese überwiegend auch selbst praktizieren. Das Handbuch erweist sich damit auch als ein „who’s who“ der deutschsprachigen Mediationsszene.

Die fundierte theoretische Durchdringung der Materie einerseits wie auch die gelungene Darstellung ihrer praktischen Handhabbarkeit zeichnen die einzelnen Beiträge aus, die sich allesamt auf aktuellem Stand befinden. Sie finden sich logisch zusammengefasst in neun Kapiteln, beginnend mit Grundlagen, über Ausgewählte Aufsätze, Methode, Rechtlicher Rahmen, Arbeitsgebiete, Berufsbilder, Qualitätssicherung, Markt und Mediation sowie Internationales Umfeld. So wie Mediation regelmäßig psychische, soziale und ökonomische Aspekte eines Konflikts berücksichtigt und für die Lösungsfindung nutzbar zu machen sucht, so finden sich im Handbuch insgesamt und zum Teil auch in den einzelnen Beiträgen selbst diese unterschiedlichen Dimensionen; sie stellen damit die unabdingbaren und unverzichtbaren Elemente einer zwar stärker gewordenen, aber letztlich nur einen Aspekt darstellenden juristischen Perspektive dar.

Es würde den redaktionell vorgegebenen Rahmen bei Weitem sprengen, wollte man aus den einzelnen Kapiteln nur jeweils einen Beitrag besonders würdigen. Dabei hätten es ohne Zweifel alle verdient, dass man sich mit ihnen intensiv auseinandersetzt: Das gilt – um nun doch einige Beispiele zu nennen – vor allem für den systemisch-konstruktiven Ansatz von Josef Duss-von Wert, die praxisorientierte Darstellung der Kurz-Zeit-Mediation von Heiner Krabbe wie auch den Beitrag von Joachim von Bargen, der sich das bislang unbeackerte Feld der Mediation in öffentlich-rechtlichen Hochschulen vorgenommen hat.

Vermisst hat der Rezensent neben den von den Herausgebern im Vorwort (unter 3) selbst angesprochenen fehlenden Ausführungen zur wissenschaftlichen Legitimation hinsichtlich Methode und Wirkungen vor allem einen Abhandlung darüber, in welchem Ausmaß und mit welchen Erfolgen mediative Elemente, Techniken und Methoden mehr und mehr in Bereichen nutzbringend eingesetzt werden, die nicht der herkömmlichen Mediation zuzurechnen sind. Hier wären neben der so genannten politischen Mediation vor allem Bürgerbeteiligung und Partizipation zu nennen, Gebiete mithin, in denen eine Verzahnung von moderativen und mediativen Verfahren stattfindet und republikweit mehr und mehr praktiziert wird.

Fazit: Mit seinen knapp 1500 Seiten stellt die 3. Auflage des Handbuchs auch für den, der bereits seit Jahren im Bereich der konsensualen Konfliktbeilegung unterwegs ist, ein unverzichtbares Nachschlagewerk dar, das Dank Breite und Tiefe bis hin in den Fußnotenapparat immer wieder mit überraschenden Erkenntnissen und Einsichten aufwartet. Es ist sein Geld wert und allen, die an Mediation interessiert sind oder sie praktizieren, uneingeschränkt zu empfehlen.

 

Die Rezension wurde der NJW – Neue Juristische Wochenschrift 2016, Heft 22, entnommen.

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NJW • Neue Juristische Wochenschrift
2018, C.H.BECK, ISSN 0341-1915,
Preis 139,00 € inkl. MwSt.

Autor: Professor Dr. Roland Fritz

3Z1B0107

Aktuelle bzw. zuletzt ausgeübte Tätigkeit: 

Rechtsanwalt und Mediator

 

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