Bertram Verhaag – Der Dokumentarfilmer und seine Protagonisten

„Alles Gelingen hat sein Geheimnis, alles Misslingen seine Gründe“

Joachim Kaiser

 

Statt „ausgewogene“ Filme mit klugen Kommentaren produziert Bertram Verhaag subjektive Kunstwerke mit charismatischen Idealisten, die eine klare Botschaft haben.

Seine Anfänge

Bertram Verhaag wurde im Frühjahr des vorletzten Kriegsjahres in Oberschlesien geboren. Bis auf wenige Monate nach der Geburt und der Vertreibung hat er seine Jugend am Niederrhein verbracht. Auf dem Bauernhof des Großvaters mit Tieren und Feldern aufgewachsen, wurde er durch die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre, die sich noch durch eine arbeitsintensive und kleinteilige Landwirtschaft auszeichneten, entscheidend geprägt.

Als studierter Ökonom und Absolvent der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen hat der Dokumentarfilmer die besten Voraussetzungen, um die Themen Gentechnik, Ökologie, lebenserhaltender, respektvoller Umgang mit der Natur, Ehrfurcht vor dem Leben oder nachhaltige, biologische Landwirtschaft in seinen Werken zu behandeln.

Sein Wirken

Seit ca. 35 Jahren widmet sich Bertram Verhaag in mehr als 120 Dokumentarfilmen mit über 95 internationalen Preisen und unzähligen Einladungen zu internationalen Festivals seinem Lebensthema „ganzheitliches, kreislauforientiertes nachhaltiges (Land)-Wirtschaften“, indem er charismatische Einzelpersonen mit ihren Visionen und Lebenssituationen in den Mittelpunkt stellt.

Seine Protagonisten

Seine Darsteller und Visionäre heißen Percy Schmeiser, Árpád Pusztai, Sepp Holzer, Sepp Braun, Michael Simml oder Jane Elliott. Das lebende, glaubwürdige Film-Objekt in Form des Protagonisten und Hauptdarstellers soll noch so kluge Kommentierungen erübrigen und gleichzeitig das Thema des Films intellektuell und emotional nahe bringen.

Mit seinem neuesten, noch nicht veröffentlichten Film „The Farmer and his Prince“ über die Ökofarm von Prince Charles, Prince of Wales, hat er jetzt ein neues, hochgelobtes Werk geschaffen. Seine Filme heimsten Mehrfach-Preise ein. So wurde „Der Bauer, der das Gras wachsen hört“ mit neun Preisen, u.a. „als bester ökologischer Film 2010“ prämiert. Es zeichnet ihn aus, dass er zu den einzelnen Themen immer gleich mehrere Filme produziert. Seine Filme ergreifen Partei, beziehen Stellung und überzeugen durch die Symbiose von Inhalt und der im Mittelpunkt stehenden Person.

Seine Themen

Seine Themenschwerpunkte mit mehreren Filmen zum gleichen Thema sind Wissenschaftsglaube (Einfluß der Wirtschaft auf Wissenschaft und Forschung), Atomenergie, Wackersdorf (1985 – 1991, 5 Filme), Rassismus (1992 – 1999, 3 Filme), Gentechnik (1999 –2010, 9 Filme), Nachhaltige Landwirtschaft mit ökologischer kleinteiliger Lebensmittelerzeugung statt industrielle Monokulturen mit Massentierhaltung (seit 1995, 9 Filme)

Das Interview

Im Interview versucht der Autor dem 35-jährigen Schaffen von Bertram Verhaag  auf die Spur zu kommen: Wie wurde er zum Dokumentarfilmer? Was sind seine Themen? Wie refinanziert er seine Filme? Wie kam er zum Thema „Gentechnik“? Wie schaut das Geschäftsmodell von Monsanto aus? Was bedeutet „gekaufte Wissenschaft“? Was heißt „nachhaltige, ökologische Landwirtschaft“? Drei Wünsche zum 70. Geburtstag im nächsten Jahr….

Reinhold Talkner:

Lieber Bertram,
wir sind hier in Deinen Geschäftsräumen in München. Herzlichen  Dank für die Einladung. Meine erste Frage: Wie wurdest du zum Dokumentarfilmer?

Bertram Verhaag:

Nach dem Abitur studierte ich in München Betriebswirtschaft, wechselte dann während der 68er Jahre zu Soziologie und landete schließlich bei Volkswirtschaft. Dort machte ich meinen Abschluss, um dann einige Jahre beim Münchner Stadtentwicklungs-referat zu arbeiten. Damals ein sehr fortschrittlicher Teil der Stadtverwaltung…. Wir machten Studien über die Vertreibung von alten Menschen aus ihren angestammten Wohnvierteln. Auch über die Zweckentfremdungs-Verordnung.  Dann mussten wir leider feststellen, dass diese Studien in geheimer Sitzung im Stadtrat abgehandelt wurden und in der Schublade verschwanden. Es war aber nicht mein Ziel, jahrelang an solchen Studien zu arbeiten – wie ich finde, sehr gute Studien, die wir damals erstellt haben – um sie dann, wie eben beschrieben, verschwinden zu lassen.

Das war auch der Grund, mich 1972 bei der Filmhochschule zu bewerben, und ich wurde dann in der Dokumentarfilmabteilung angenommen. Ich wollte damals aus meinen Erfahrungen mit der Stadtverwaltung eine Art Reportage machen. Durch die Filmhochschule kam ich dann aber einfach auf andere Ideen und Erzählweisen. Das heißt, wir versuchten in erster Linie Filme zu erzählen, ohne Kommentar – was sehr viel schwieriger zu machen ist, weil man mehr drehen muss. Die Geschichten entwickeln sich aus Situationen und den Interviews mit den Protagonisten. Und man muss die Gesprächspartner trotzdem dazu bringen, kurz und knapp zu sprechen, um daraus eine straffe Geschichte zu entwickeln, ohne dass man zusätzliche Erzähler braucht.

Nach der Filmhochschule tat ich mich mit zwei Studienkollegen zusammen, wir gründeten eine Firma, die Firma DENKmal-Film und setzten uns bestimmte prinzipielle Ziele. Erstens, dass WIR diejenigen sind, die die Geschichten und Themen aussuchen – das heißt unabhängig vom Fernsehen. Zweitens wollten wir sie auch unabhängig von den Produktionsbedingungen des Fernsehens umsetzen, uns nicht 10 Tagen Dreh und 12 Schnitttagen unterwerfen. Wir wollten selber entscheiden, wie lange wir an einem Film arbeiten, bis wir ihn selber für fertig und abgeschlossen hielten.

Wir machten sogenannte Auftragsproduktionen, das heißt wir erhielten vom Fernsehen eine pauschale Summe, und entschieden selber, wie wir damit wirtschaften. Aber eben unter den Bedingungen, wie wir sie haben wollten. Ein dritter Punkt war uns sehr wichtig: „Dies ist kein objektiver Dokumentarfilm, weil es das nicht gibt.“ Teilweise schrieben wir das in den Vor- oder Abspann des Films. Das war praktizierte Medienpolitik als Antwort auf die sogenannte Ausgewogenheit des Fernsehens.

Deine Filme erzeugen Emotionen, die letztendlich auch eine Form der kognitiven Wahrnehmung sind.

Davon haben wir uns eigentlich auch sehr stark beeinflussen lassen und haben versucht, Filme subjektiv zu erzählen, aber indem wir die Subjektivität auch klar durchschaubar gemacht haben.

Anfang der 80er Jahre wurde in der Oberpfalz – in Wackersdorf – eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage geplant und gebaut. 1½ Stunden von München entfernt wollten wir gerne über Wackersdorf einen Film machen, einen Langzeitfilm: Wie entwickelt sich das Ganze? Wie ist die Haltung der Bevölkerung? Wie ändert sich die Haltung der Bevölkerung möglicherweise?“ Und so entwarfen wir nicht einen Film über Wackersdorf als Wiederaufarbeitungsanlage, sondern eher, wie ist eine Bevölkerung betroffen, die so etwas vor die Haustüre gesetzt bekommt, ohne darüber befragt worden zu sein!?

Und das war das Verblüffende, auch für die bayerische Staatsregierung, dass es da eine Bevölkerung gab, in der Oberpfalz, in Wackersdorf, in und um Schwandorf, die als katholisch und obrigkeitshörig galt, und wo die Staatsregierung dachte, da kann man das am schnellsten durchsetzen – die werden sich nicht rühren.

Und plötzlich entdeckten diese Menschen für sich, dass sie gar nicht in einer Demokratie leben, gar nicht beteiligt sind mit ihrer Stimme. Und sie lernten plötzlich mit diesen sogenannten schwarzen Chaoten, die da aufgetaucht sind, zu reden und von denen Informationen zu erhalten, die sie sonst nicht hatten. Sie luden sie zu sich nachhause ein zum Duschen, luden sie zum Kaffee und so weiter, das waren also weltbewegende, regional bewegende Veränderungen, die da stattgefunden haben.

Und darum ging es in dem Film: dass das Vertrauen, „wir leben in einer Demokratie“, plötzlich als ein Trugschluss erkannt wurde als die Wasserwerfer auffuhren. Sie erkannten, wir wollen so eine Wiederaufarbeitungsanlage nicht. Wir wollen sie nicht hier, wir wollen sie nicht weltweit, und wir wollen eigentlich auch gar keine Atomkraft oder Atomenergie. Und das hat sie angetrieben einfach immer weiter nachzudenken, friedlich zu demonstrieren, jeden Sonntag um den Zaun rumzuwandern und ihre Meinung kundzutun. Und das nahmen wir uns als Thema. Der Film, unser erster Film über Wackersdorf, hieß „Spaltprozesse“. Also Spaltprozesse einmal in dem Sinn, dass atomare Spaltprozesse gemeint waren, auf der anderen Seite aber auch Spaltprozesse in der Bevölkerung.

Sie war plötzlich gespalten in Befürworter und Gegner. Die einen haben wirtschaftlichen Aufschwung vermutet und die anderen hatten einfach Angst vor dieser Technologie, weil es nicht genügend erforscht und anscheinend nicht beherrschbar war. Man sieht es jetzt, 30 Jahre später, mit welchen Argumenten ausgestiegen wird aus der Atomenergie. Und damals war für uns noch was Zweites wichtig: nämlich an einem Thema mit mehreren Filmen dranzubleiben. Das haben wir am Beispiel Wackersdorf mit fünf Filmen gemacht.

Du hast viel von „Atomenergie“ gesprochen. Was waren weitere Themen im Laufe der Jahre?

Ein weiteres Thema, zu dem wir auch mehrere Filme machten, war Rassismus. Ein erster Film, „Das innere Ausland“ behandelt diesen stillen, leisen Rassismus, der in jedem drin ist, obwohl er sich selber nach außen wahrscheinlich als völlig frei bezeichnen würde. Und dann passierten eben Anfang der 90er Jahre die brennenden Asylbewerberheime und so weiter, und die Thematik kam immer höher. Ich las dann in der „Süddeutschen“ mal einen kleinen Artikel über eine Frau in den USA, die dort eine sehr interessante Anti-Rassismus-Arbeit machte. Das war Jane Elliott aus Iowa, sie hat mich sehr berührt … Damals war sie noch Lehrerin und teilte ihre Schüler in Braunäugige und Blauäugige, das heißt in gute Weiße und schlechte Braune. Sie wollte ihren Schülern erklären, warum in ihrer Gesellschaft Menschen wie Martin Luther King erschossen werden, nur weil sie schwarz sind. Ich flog dann rüber, machte mit ihr ein Interview, und plante mit ihr – über ihre Arbeit – einen längeren Film zu machen. Sie machte uns dann darauf aufmerksam, dass es schon mindestens 4 Filme in den USA gäbe über ihre Arbeit. Sie waren aber alle auf die amerikanische Art und Weise gemacht: sehr viele, schnell wechselnde Bilder, sehr viel Kommentar. Trotzdem entschloss ich mich zu einem eigenen Film – ohne Kommentar und das würde ein ganz anderer Film werden. Es wurde unser erfolgreichster Film, er wurde mit Preisen überschüttet und in 40 Länder verkauft!

Was war das typische an ihrer Methode?

Der Film heißt „Blue Eyed“. Er begleitet Jane Elliott bei einem ihrer Workshops, in denen sie die Teilnehmer in Blau- und Braunäugige einteilt. Das war das Instrument, das sie sich ausgesucht hatte, um die Menschen fühlen zu lassen, wie unterschiedlich sie in der Gesellschaft behandelt werden. Sie veranlasste blauäugige Menschen für sieben Stunden in die Haut eines minderwertig behandelten Menschen zu schlüpfen, um zu fühlen, wie z. B. mit Farbigen in der US-Gesellschaft umgegangen wird. Eine geniale Art und Weise, mit der sie Menschen sehr, sehr betroffen gemacht hat. Wir haben 20 Jahre später noch einmal die Schüler besucht, die in ihrer Schule von ihr so behandelt wurden – sie hatten diesen einen Tag nicht vergessen.

Wenn Du einen Film machst, woher bekommst Du das Geld? Du musst ja wahrscheinlich vorfinanzieren?

Ja, das haben wir einige Male gemacht, aber das ist kein profitabler Weg. Wir haben zum Beispiel „Spaltprozesse“ vorfinanziert, und haben aber jahrelang nicht das Geld hereinbekommen, was wir für die Produktion gebraucht hatten. Obwohl wir vieles über die Hilfe von Freunden machten, die Kamera- oder Tonleute, oder über Menschen die bei der technischen Endfertigung hilfreich waren, oder oder oder. Erst Jahre später, als der Film in Leipzig auf dem Dokumentarfilmfestival gezeigt und mit der silbernen Taube ausgezeichnet wurde, erhielten wir vom SWR einen Vertrag, der für die gesamte ARD galt – das gibt’s heute nicht mehr – und den jede einzelne ARD-Anstalt einlösen konnte. Das heißt, die ARD kaufte den Film für z.B. 120.000 DM und davon zahlt der SWR 45.000 und der Rest wurde aufgeteilt auf die anderen ARD- Anstalten, wenn sie ihn nehmen. Und wir fanden auf die Art und Weise noch weitere vier ARD-Anstalten, die den Film gekauft haben. Und so sind wir dann doch wieder zu einer angemessenen Bezahlung gekommen, aber es hat jahrelang gedauert.

Noch mal zum Verständnis: wenn ein Film jetzt beschlossen wurde, entstehen ja schon während des Filmens Kosten. Woher stammt dieses Geld?

Das kommt in erster Linie vom Fernsehen oder auch von einzelnen Landesförderungen.

Wie kamst Du zum Thema „Gentechnik“?

Eher zufällig bin ich darauf gestoßen. Zunächst lehnte ich es ab, einen Film über Gentechnik zu machen. Ich bin kein Naturwissenschaftler, hatte keine Ahnung von der Materie, ich habe in der Schule nicht gelernt, was ein Gen ist. Darüber hinaus hatte ich das Vertrauen in die Politik, dass sie, genauso wie bei Medikamenten oder sonstigen Entscheidungen, wo Zulassungen gefragt waren, das auch prüfen würden. Durch den Einstieg in dieses Thema „Genmanipulation“ stellte ich fest, dass es diese Prüfung gar nicht gab und bis heute nicht gibt. Das wurde an die Industrie zurückgegeben, mit der Aufforderung: ihr müsst uns garantieren, dass das ungefährlich ist. Und die Industrie wiederum gab die Haftung dafür weiter an die Bauern, auf eine ganz simple Art und Weise. Die mussten entweder beim Kauf des genveränderten Saatgutes ein Papier unterschreiben, oder wie es später und auch jetzt der Fall ist, dass einfach auf dem Sack draufsteht: „In dem Moment wo ihr diesen Sack mit Saatgut öffnet, erkennt ihr unsere Bedingungen an“. Und eine dieser Bedingungen war, dass, wenn irgendein Schaden daraus entsteht, dann seid ihr als Verwender dafür verantwortlich und nicht wir als Produzenten des Saatgutes.

So war es in der Realität, und so ist es heute noch. Es wehren sich zwar immer mehr Bauern, auch in den USA und Kanada dagegen, und einige haben jetzt den Mut gefunden auch zu prozessieren. Aber gegen ein Multimilliarden-Unternehmen zu prozessieren ist nicht leicht. Ein Beispiel war Percy Schmeiser, ein Farmer in Kanada, dem gentechnisch veränderter Raps zugeweht war von Nachbarfeldern, und wo Monsanto pensionierte Wachleute oder Soldaten über die Felder schickte um Pflanzen zu sammeln. Sie haben sie in ihren eigenen Labors untersucht und haben dann die Bauern verklagt und gesagt, das Saatgut was ihr da auf dem Acker habt, enthält unser entscheidendes Gen, deswegen verklagen wir euch wegen Patentverletzung und wollen Schadenersatz. Über diesen mutigen Menschen – Percy Schmeiser – machten wir unseren ersten Film über Gentechnik.

Da sind wir eigentlich beim zentralen Thema „Monsanto“. Kannst Du mal deren Geschäftsmodell genauer beschreiben?

Monsanto beauftragte eine Werbeagentur, eine Marketingagentur, und bat sie, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, um eine Monopolstellung auf gewissen Märkten bekommen. Die Agentur schlug vor, Pflanzen zu entwickeln und zu patentieren. Dann aufgrund dieses Patentes mehr für diese Pflanzen zu verlangen und langsam eine Monopolstellung zu entwickeln. Auf der anderen Seite sollen diese Pflanzen immun sein gegen ein bestimmtes Gift, ein Gift, das eben die sogenannten Unkräuter auf dem Acker beseitigen soll, aber die Nutzpflanze verschont.

Das Gift stammt auch von Monsanto?

Genau. Dieses Gift stammt gleichzeitig auch von Monsanto. Das heißt, sie verdienen doppelt: Die genveränderte Pflanze wurde kombiniert mit einem Gift, das alles auf dem Acker abtötet außer der Nutzpflanze. In den USA sind inzwischen 80% der Maispflanzen genverändert, und über 90% der Rapspflanzen und Sojapflanzen.

Ein Gift zu entwickeln und eine Pflanze gentechnisch so zu verändern, dass sie immun ist gegen das Gift – dieses Gift aber sonst alles auf dem Acker abtötet, ist an sich schon ein absolut perverser, schrecklicher Gedanke. Da müsste eigentlich jeder Politiker und jeder Mensch aufschreien, weil der Boden das ist, was uns am Leben erhält – alles Leben kommt aus dem Boden. Und wenn die Industrie da diese Milliarden und Über-Milliarden Lebewesen beeinträchtigt, abtötet usw. dann finde ich das absolut pervers.

Es gibt weitere Veränderungen von Pflanzen für ein sogenanntes Terminator-Saatgut. Das ist ein Saatgut, das gentechnisch so verändert wird, dass es nur einmal keimfähig ist. Das heißt, auf diese Art und Weise soll ganz klar dem Bauern die Möglichkeit genommen werden, eigenes Saatgut aufzuheben und nochmal auszusäen. Und das war so ein Punkt, wo ich nochmal besonders in das Thema eingestiegen bin, weil ich merkte, das will ich nicht, und ich brauche auch kein Wissenschaftler zu sein, um zu beurteilen, dass das kein guter Weg ist. Ich will kein Saatgut haben, das nicht mehr keimfähig ist. Ich will das nicht essen; denn das ist ja eine „Tote Ernte“.

Ein wichtiges Thema bei Dir ist auch die „nachhaltige, ökologische Landwirtschaft“. Kann man beide Bereiche miteinander verbinden?

Es ist einfach schwer auszuhalten, sich 10 Jahre lang nur mit dieser dunklen Seite der Gentechnik zu befassen. So drehten wir parallel zu diesen Gentechnik-Filmen viele Filme über gute nachhaltige Landwirtschaft. Das heißt, mit Menschen, die ganz anders mit dem Boden umgehen, mit Ehrfurcht und Demut…. „Der Agrar Rebell“ zum Beispiel oder „Der Bauer der das Gras wachsen hört“, „Der Bauer mit den Regenwürmern“, der eben sehr viel Wert auf den Humus legt. Dieser Humus ist in der Lage CO2 zu binden, dieser Humus ist in der Lage, die Wasserhaltefähigkeit des Bodens zu erhöhen, dann durch verschiedene Tief- und Flachwurzler und die Regenwürmer, den Boden einfach permanent durchlöchert zu halten. Und dadurch auch Regenfälle in einem enormen Ausmaß aufnehmen zu können, ohne dass Überschwemmungen entstehen. Dazu gehört natürlich auch, diesen Boden nicht mit schweren Maschinen zu bearbeiten, dass alles wieder zusammengedrückt wird – die ganzen Röhren, die mühevoll von diesen Tierchen gemacht worden sind, wieder zuzustampfen. Und das hat einfach dann sehr viel Spaß gemacht und mündet jetzt in ein Projekt, für das ich gerade die Finanzierung abgeschlossen habe, wo Gentechnik und gute nachhaltige Landwirtschaft in einem Film gezeigt werden. Weil wir gemerkt haben, dass viele Leute sich hilflos fühlen solchen Unternehmen wie Monsanto gegenüber, und es hilft nichts deren zerstörerische Geschäftspolitik aufzuzeigen, sondern wir müssen Alternativen sichtbar machen. Wir konfrontieren die Gentechnik mit drei langjährig bewährten, guten nachhaltigen Landwirtschaftsprojekten – die Mut machen und zeigen wie es anders geht.

Ein Thema über das wir noch nicht gesprochen haben, heißt „gekaufte Wissenschaft“. Es gibt den Film „Gekaufte Wahrheit“ von Dir, und ich möchte aus der ZEIT vom 1. August 2013 zitieren. Da steht: „2011 haben Firmen und Stiftungen 1,8 Milliarden € in deutsche Hochschulen investiert“.

Initiiert wurde dieser Film, „Gekaufte Wahrheit“, durch den letzten Satz eines norwegischen Wissenschaftlers in unserem Film „Leben außer Kontrolle“. Er glaubt, so seine Aussage, dass maximal 5% der Wissenschaftler, die im Bereich der Gentechnik forschen, unabhängig sind. Und das bedeutet einfach, dass in diesem ganzen Bereich sehr wenig Kontrolle stattfindet, und gleichzeitig die Wissenschaftler, die sich da versuchen unabhängig zu halten und unabhängige Untersuchungen zu machen, geächtet und ausgeschlossen werden aus der Wissenschaftsgemeinde. Und das war damals ein Anstoß diesen Film „Gekaufte Wahrheit“ zu machen. Wir zeigen drei Wissenschaftler, die in dem Bereich Gentechnik versuchten, unabhängig zu forschen und ihre Ergebnisse veröffentlichten, und dafür hart bestraft wurden. Hart bestraft werden, heißt… sie flogen aus ihrer Arbeitsstelle und erhielten keine Forschungsmittel mehr, und was das noch schlimmer ist – ihr Ruf ist zerstört worden, und sie sind ausgeschlossen worden aus der Royal Society, was so unseren Wissenschaftsakademien entspricht. Ein Beispiel ist Árpád Pusztai in England. Einem anderer Forscher, Ignacio Chapela, ein Mexikaner, wurde jahrelang seine Professur vorenthalten.

Ein kritischer Wissenschaftler ist von der Industrie nicht erwünscht. In „Gekaufte Wahrheit“, zeigst Du, wie BP auf dem Gelände der University of California, Berkeley, einen Eichenwald trotz großer Proteste abholzen lässt, um darauf Institutsgebäude zu errichten und sich dann für 500 Millionen Dollar einkauft.

Ja, die kaufen sich mit immensen Summen ein und versuchen dadurch auch auf die Lehrinhalte Einfluss zu nehmen. Und zwar jetzt nicht nur auf die Lehrinhalte an der Uni, sondern das soll beim Kindergarten anfangen. Und das erkaufen sie sich für ihr Geld. Man muss fairerweise sagen, es gibt natürlich auch viele Universitäten die Stiftungsgelder von irgendjemandem kriegen, der aber nicht unbedingt Einfluss nimmt auf die Lehrinhalte oder auf den Ablauf in der Universität, oder auf die Menschen die dort angestellt werden. Aber vieles passiert natürlich, denke ich, ohne dass es in unser Wissen gelangt. Aber das sind ganz klare Beispiele von Wissenschaftlern, die mit ihrer Forschung der Industrie schaden und deswegen ausgeschlossen werden.

Zum Schluss noch ein Ausblick. Du wirst nächstes Jahr 70 und hast deshalb drei Wünsche frei. Was wünscht du Dir?

Also ein großer Wunsch wäre natürlich einfach genügend Geld zur Verfügung zu haben oder zu bekommen, um meine vielfältigen Ideen zu realisieren. Der zweite Wunsch wäre, dass ich sie dadurch sehr viel leichter und ruhiger umsetzen kann. Denn bisher nimmt die Finanzierung eines Projektes sehr viel mehr Raum ein als das Filmemachen selber. Und drittens habe ich natürlich die Sehnsucht mal wirklich völlig entspannt am Strand zu liegen und an andere Dinge zu denken.

… und finanziell beruhigt in die Zukunft zu sehen … Bertram, ich danke Dir für das Interview.

Youtube (Gekaufte Wahrheit):

Verhaag
Das liebe Rindvieh
2013, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-76-4,
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naturGerecht
2013, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-73-3,
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Blue Eyed
1996, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-17-7,
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Verhaag / Kröber
Leben ausser Kontrolle
2004, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-13-9,
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Life in Plastic...
2008, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-­935573-­37-­5,
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Rentner GmbH
2007, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-28-3,
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Gentechnik-Trilogie
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Percy Schmeiser – David gegen Monsanto
2008, DENKmal-Film Verhaag GmbH, ISBN 978-3-935573-33-7,
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