Dieses Buch steht Ihnen gut!

Der erste Eindruck des Buches (Verlag C.H.BECK) ist zwiespältig: Schon wieder ein „Ratgeber“, der uns Männern sagt, was wir tun und lassen sollen, als ob wir nicht schon genug durch soziale Verhaltensregeln reglementiert wären. Und dann auch noch dieser verwechslungsanfällige Nachname. Aber schon die Ausstattung überzeugt:

Taschenbuch deluxe

Logo "Was Mann trägt"Der Band ist für ein Taschenbuch liebevoll und hochwertig ausgestattet. Das beginnt bereits mit der Prägung auf der Umschlagvorderseite und setzt sich im Innenteil fort: Vor jedem Kapitel findet sich eine farbige Vorsatzseite, koloriert in der Farbe des anschließend besprochenen Kleidungsstücks. Zudem ist der Band verziert mit zahlreichen Illustrationen, deren hoher Wert sich leider erst im Nachwort erschließt, sind sie doch aus einem Wettbewerb hervorgegangen, den der
Verlag zusammen mit der Meisterschule für Mode und Design München ausgerichtet hat. Eine luxuriöse Haptik also, die gleichzeitig auch ein Zeichen für den bleibenden Wert des gedruckten Buches ist, gehen all diese Elemente doch im – gleichzeitig erhältlichen – eBook etwas unter. Aber ein Mann mit Stil, wie der Autor des Werkes, würde ohnehin nur im Notfall zum elektronischen Buch greifen!

Guter Rat ist reichlich geboten

Die Zielgruppe des Buches erschließt sich aus dem Rückentext: es sind vor allem die Berufsanfänger und solche Leser, die sich ihre Garderobe für gehobene Anlässe erweitern wollen. Diesen werden die Ratschläge auch vollauf gerecht: Begrenzt auf die wichtigen Basis-Teile Anzug, Hemd, Krawatte, Schuh, Trenchcoat, Sakko, Hosen, Pullover, ausgewählte Accessoires (Strümpfe, Schals sowie Einsteck- und Taschentücher) sowie als Krönung dem Smoking bieten sich hier auf kleinem Raum eine Fülle von Informationen. Angefangen von Stoffqualitäten, der Geschichte des Kleidungsstückes über den Aufbau – etwa des Anzuges oder des Schuhs – bis hin zu Einkaufstipps, Pflege und Erweiterung der Basis-Garderobe finden sich klar strukturiert, kenntnisreich und stilistisch ansprechend formuliert eine große Zahl von nützlichen Ratschlägen. Die gedrängte Menge an „Stoff“ bedingt, sich die einzelnen Kapitel unter Umständen mehrmals durchzulesen und dann erst auf Einkaufstour zu gehen.

Der Autor räumt dabei auch mit so manchem unglücklichen Rat auf: Hatte Silvio Berlusconi vor einigen Jahren den italienischen jungen Männern geraten, niemals braune Schuhe zum Anzug zu tragen, wenn Sie Karriere machen wollen, schreibt Küblbeck völlig zu Recht auf Seite 81, dass schwarze Schuhe selten zum dunkelblauen Anzug und noch seltener zu (vor allem hell-) grauem Zwirn passen.

Der Hinweis darauf, dass der Smoking ausschließlich (!) ein Abendanzug ist, findet sich an mehreren Stellen im entsprechenden Kapitel. Diesen Hinweis müste man fett hervorheben für all diejenigen Bräutigame, die schon um 11 Uhr morgens im Smoking zur Trauung schreiten. Ganz klar: Kein Smoking vor Sonnenuntergang! Niemals!

Aber Vorsicht!

Das hellblaue Hemd mag vielleicht aus ästhetischen Günden erste Wahl sein, worüber man durchaus diskutieren kann. Achtung aber in amerikanisch geprägten Unternehmen: Blaue Hemden tragen die einfachen Angestellten, Führungskräfte greifen immer zu weißen Stoffen. Es zählt meist nicht nur die Ästhetik, sondern eben auch das Signal im sozialen Umfeld. Und auch für alle anderen dargestellten Kleidungsstücke gilt: Sie müssen in den Kontext des beruflichen Umfeldes passen, um den Träger nicht als over- oder underdressed ins Abseits zu stellen.

Und auch ein Wort zur Jeans sei mir hier (modisch traumatisiert und sozialisiert von 68er-Eltern) noch gestattet: Für die Zielgruppe der Berufsanfänger geht diese gerade noch als Freizeit-Look noch. Wer die 40 überschritten hat, sollte solcherlei Beinkleid möglichst nur noch zur Gartenarbeit tragen, um nicht als Berufsjugendlicher zu gelten.

Weitere Gedanken

Am Ende jedes Kapitels bietet Küblbeck unter der Überschrift „Weitere…“ Hinweise zur Erweiterung der Basis-Garderobe. Das ist hilfreich, allerdings sollte ein Jeder im Lauf der Zeit seinen eigenen Geschmack entwickeln und seine Garderobe entsprechend ausbauen. Ein Tipp aus eigener Erfahrung: ohne die Ehefrau zum Einkaufen gehen! Der Verheiratete muss sich nichtsdestotrotz beschränken, denn Ehefrauen goutieren es erfahrungsgemäß nicht, wenn sie das Gefühl haben, der sie begleitende Ehemann sei besser – oder eleganter – angezogen als sie selbst. Also: Entweder die Garderobe der Gemahlin mit erweitern oder gekonnt nachlässig in einzelnen Details sein.

Eine bekannte deutsche Etikette-Trainerin hat einmal in einem Interview gesagt, Regeln seien nur für Sozialaufsteiger. Das ist richtig, denn die Kenntnis der Grundregeln – die Küblbeck an vielen Stellen vermittelt – ist unerlässlich für die Entwicklung des Einzelnen im sozialen Kontext. Aber es ist auch wieder nur die halbe Miete: „denn selbst muss der Freie sich schaffen: Knechte erknet‘ ich mir nur!“ lässt Richard Wagner Wotan seine Brünnhilde belehren. Wie wahr!

Und damit hat der Ratgeber seine Schuldigkeit getan. Als Kinder einer trotzigen 68er-Generation mussten wir uns alle Regeln selbst erarbeiten; aber wir geben es an unsere Kinder weiter, indem wir ihnen vorleben, was guter Geschmack ist.

Küblbeck, Florian S.
Was Mann trägt
2013, 217 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-65415-2,
Preis 12,95 € inkl. MwSt.

Autor: Dr. Frank Lang