Hilfe beim Verfassen einer juristischen Arbeit

Interview mit Prof. Dr. Holm Putzke, LL.M.

Portrait von Prof. Dr. Holm Putzke

Prof. Dr. Holm Putzke hält die Lehrprofessur für Strafrecht an der Universität Passau

beck-shop.de: Wie gehe ich am besten an eine schriftliche juristische Arbeit heran?

Prof. Putzke: Das hängt von der Art der Arbeit ab. Handelt es sich zum Beispiel um eine Haus- oder Seminararbeit, sollte man auf gar keinen Fall panisch in die Bibliothek laufen und ziellos hier und da etwas lesen, das möglicherweise relevant sein könnte. Erst recht bringt es wenig, haufenweise Kommentarstellen oder Aufsätze zu kopieren. Auch von spontanen Gruppendiskussionen rate ich ab. All das ist üblich, weil es scheinbar für Beruhigung sorgt, bringt meist aber nicht viel.

Empfehlenswert ist bei einer Hausarbeit vielmehr, sich ein ruhiges Plätzchen zu suchen und den Sachverhalt wie eine Klausur zu lösen. Dann hat man nach wenigen Stunden schon eine hervorragende Basis. Natürlich ist es dabei – anders als bei einer echten Klausur – nicht verboten, den einen oder anderen kurzen Blick in einen Kommentar zu werfen, um etwa bei Definitionen nicht unnötig Zeit zu verschenken. Hingegen steht bei einer Seminararbeit eher die Recherche im Vordergrund, weil es kaum Themen gibt, zu denen nichts geschrieben wurde. Einschlägige Publikationen, anfangs möglichst Aufsätze, dienen dem Einstieg in das Thema und sollen eine Grobgliederung der eigenen Arbeit ermöglichen. Später gilt es, Schwerpunkte festzulegen und Detailprobleme zu bearbeiten.

beck-shop.de: Gibt es eine juristische Fachsprache, die ich beachten muss?

Prof. Putzke: Wenn ein Golfer einen anderen darüber informieren will, dass er drei Schläge mehr gebraucht hat als ein sehr guter Spieler durchschnittlich benötigt, um den Ball vom Abschlag in das Loch zu spielen, dann sagt er schlicht, er habe einen „Triple Bogey“ gespielt. Jeder Golfer weiß dann, was der andere meint. Wozu ist das wichtig? Die Golfterminologie dient auch der Vereinfachung der Kommunikation. Das unterscheidet die Golfsprache nicht von juristischer Fachsprache. Der Nachteil: Außerhalb eines Gerichtssaals oder Golfplatzes wissen Laien schlicht nicht, was Juristen bzw. Golfer meinen.

Abgesehen davon, dass viele Juristen zugleich Golfer sind, gibt es zwischen beiden und jenseits unverzichtbarer terminologischer Begrifflichkeiten aber einen wichtigen Unterschied: Golfer spielen mit Golfern, also Menschen, die sich freiwillig dafür entschieden haben, das Spazierengehen über eine Wiese mit der Suche nach einem kleinen Ball zu verbinden. Juristen haben oft mit Menschen zu tun, die freiwillig niemals den Kontakt mit Juristen suchen würden, nicht zuletzt weil sie deren Fachterminologie fürchten. Schon aus diesem Grund sollte sich jeder Jurist bemühen (freilich ohne die sprachliche Präzision zu vernachlässigen), so einfach und verständlich wie möglich zu formulieren. Dazu gehört auch, soweit wie möglich Fremdwörter zu vermeiden.

beck-shop.de: Gibt es Formvorschriften, die ich unbedingt einhalten sollte?

Prof. Putzke: Um nochmals den Golfplatz zu bemühen: Wer dort etwa mit einem ruhrgebietsüblichen ballonseidenen Trainingsanzug erschiene, verstieße gegen die Golfplatzetikette und zöge zudem den Unmut anderer Spieler auf sich. Sanktioniert werden könnte das etwa mit einem Platzverbot. Wenn fertige Juristen gegen Formvorschriften verstoßen, kann dies zur Unzulässigkeit eines Rechtsmittels führen. Solche Folgen sind übel und meist ein Fall für die Berufshaftpflichtversicherung. Um die Bedeutung von Formvorschriften schon in der Ausbildung hervorzuheben, gelten formale Regeln auch für das Studium, etwa bei Haus- oder Seminararbeiten. Diese sind allerdings oft abhängig von dem Betreuer, z.B. den Zeilenabstand oder den Seitenrand betreffend. Davon unabhängig sind Rechtschreibung und Grammatik. Wer darauf nicht achtet, riskiert ebenfalls Punktabzug.

beck-shop.de: Wie gehe ich mit einem Zitat korrekt um?

Prof. Putzke: Der Umgang mit einem Zitat hängt ab vom jeweiligen Kulturkreis. Im Sozialismus etwa gehörte auch geistiges Eigentum dem Volk. Selbst heute noch gibt es in manchen Ländern keine richtige Zitierkultur. Bei uns ist das anders. Geistige Früchte gehören ihrem Urheber. Wer sie erntet und als eigene verkauft, riskiert Ärger, einerseits vom Urheber selber, andererseits von den Wächtern wissenschaftlicher Redlichkeit. Zu letzteren zählt inzwischen bekanntlich auch das Wiki „GuttenPlag“. Dabei ist der Umgang mit einem Zitat leicht: Wer wörtlich etwas abschreibt, muss dies mit einem Hinweis auf den Urheber kenntlich machen. Ohne eine Angabe des Urhebers handelt es sich um ein Plagiat. Aber auch bei nichtwörtlicher Wiedergabe sind Plagiate möglich, nämlich dann, wenn man ohne Quellenangabe wesentliche Gedanken oder signifikante Wörter oder Passagen übernimmt.

Vor einer Unsitte sollten Sie sich jedoch hüten: dem inflationären Setzen von Fußnoten. Es ist einfach schrecklich, wenn jeder Satz eine Fußnote trägt. Das hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern ist Ausdruck geistiger Armut. Wer sich von Fußnote zu Fußnote hangelt, handelt sich den Vorwurf ein, sich keine eigenen Gedanken gemacht zu haben. Zwischen eigenen Argumenten und dem, was andere zu einem Thema schon geschrieben haben, gibt es freilich eine Grauzone. Um das richtige Maß zu finden, kann es hilfreich sein, sich z.B. an Aufsätzen in Fachzeitschriften zu orientieren.

Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, der sollte in diesem Buch nachlesen: Juristische Arbeiten erfolgreich schreiben (Verlag C.H.BECK)

Dieses Werk vermittelt die wichtigsten Kenntnisse für die Erstellung juristischer Arbeiten, sowohl in Form von Klausuren als auch in Form von schriftlichen Arbeiten wie Hausarbeiten, Seminararbeiten, Dissertationen, Habilitationen sowie Bachelor- und Masterarbeiten.

Putzke
Juristische Arbeiten erfolgreich schreiben
2012, XV, 194 S., C.H.BECK, ISBN 978-3-406-63606-6,
Preis inkl. MwSt.